Alle Vöglein sind schon da
26. Januar 2012
Grundsätzlich habe ich an Vögeln nichts auszusetzen. Und wenn, dann ist mein Beruf schuld.
Vor vielen Jahren zog ich an einem Sonntag ein Fax (jaja, soo lange ist das her) aus der Maschine, das von einem schon sehr betagten freien Mitarbeiter stammte. Der berichetete in erhabener Prosa, dass er einen Vogelschwarm erblickt habe. “Die majestätischen Vögel umrundeten mehrfach den Kirchturm!”, tat er kund: “Sie flogen dabei teils im Uhrzeigersinn und teils auch dagegen!” Donnerwetter! Schließlich habe der Schwarm sich Richtung Oasten entfernt. “Das Schauspiel ließ den Betrachter staunend zurück”, textete der ältere Herr zum Abschluss.
Damals war ich noch ein kleiner Jungredakteur, hatte aber schon eine große Klappe. “Kollege!” brüllte ich im zuständigen Lokalressort: “Alles wegwerfen! Hier kommt ein Vierpalter!”. Und ich knallte dem Kollegen das Gefasel über die Vögel auf den Tisch. Tags drauf war das Werk tatsächlich vierspaltig im Blatt – und als der damalige Redaktionsleiter fragte, ob da wer übergeschnappt sei, sagte der Kollege, ich hätte ihm das schließlich so gesagt. Ich fragte mich damals, ob man so unterirdisch doof sein kann. Heute bin ich weiser und glaube, dass mir der Kollege verdammt gut paroli bot.
Wie gesagt, Vogelschwärme… Kein Wunder, dass ich irgendwie nicht viel davon hielt, von einem Schwarm Bergfinken zu schreiben. Sind ja alles Nei’Gschmeckte aus Skandinavien! Freilich fand ich das nur so lange blöd, bis ich eine Fraktion des Schwarms sah, der, wir lasen es heute im Blatt, aus geschätzt bis über zwei Millionen Vögeln bestand. Das sah heftig aus, und ich merkte, wie mir der Hitchcock im Nacken saß: Wenn sich mal der Himmel vor Bergfinken verdunkelt (und das war wirklich so), dann denkt man sich schon, was so ein Vögelein in Millionenpotenz alles anstellen könnte: Wenn die einem alle gleichzeitig aufs Haus kacken, stürzt bestimmt das Dach ein!
Saulus wurde zum Paulus, Rupp zum Vogelfan. “Na bitte, dann machen wir das eben!” sprach ich, und die Kollegin recherchierte tapfer. Leider nutze ein Gutteil der Kollegen den Vogelschwarm zu einem Stresstest: Schon mal probiert, über BERGfinken zu schreiben, wenn um einen herum lauter Kollegen “ZWERGfinken” oder “BUCHfinken” rufen – und man den Text im Redaktionssystem (wo heitere Texte mit Winkeln und Kursivschrift “bunte Geschichten” heißen) als “Bunt-Fink” anlegen muss?
Das Ergebnis ist für Insider interessant: Viermal besteht der Schwarm im heutigen Beitrag aus Bergfinken, zweimal auch Buchfinken, und die Zwerg- und Buntfinken gingen komplett leer aus.







